Was sind Botanicals? Die Zutaten im Gin und wie sie wirken

Botanicals sind die pflanzlichen Zutaten, die dem Gin seinen Geschmack geben: Beeren, Samen, Wurzeln, Rinden, Schalen und Blüten. Vorgeschrieben ist davon nur eine einzige, der Wacholder. Alles andere ist Entscheidung der Brennerei, und genau dort entsteht der Unterschied zwischen zwei Gins.

Was Botanicals sind und was sie von Zutaten unterscheidet

Der Begriff ist im Gin-Bereich zum Fachwort geworden, auch wenn er inhaltlich nichts anderes beschreibt als pflanzliche Zutaten. Der entscheidende Unterschied zu anderen aromatisierten Spirituosen liegt im Verfahren: Bei Gin entstehen die Aromen durch Destillation oder Mazeration mit hochprozentigem Neutralalkohol, nicht durch Aromakonzentrate nach der Abfüllung. Was im Glas landet, ist das Ergebnis eines physikalischen Prozesses, kein Nachwürzen.

Die eine Pflicht und der Rest als Gestaltungsspielraum

Gesetzlich vorgeschrieben ist nur, dass der Geschmack von Wacholder (Juniperus communis) klar erkennbar bleibt. Alles Weitere ist frei. Das ist der Grund, warum zwei Gins mit derselben Basis völlig unterschiedlich schmecken können: Auswahl, Menge und Verhältnis der übrigen Botanicals bestimmen den Charakter.

Welche Botanicals gibt es? Die Übersicht nach Funktion

Nach Wirkung sortiert ergibt sich ein deutlich brauchbareres Bild als nach dem Alphabet. Jede Gruppe hat eine andere Aufgabe im fertigen Gin.

Gruppe Typische Vertreter Wirkung im Gin
Basis Wacholderbeere Harzig-kiefrige Grundnote, gesetzlich vorgeschrieben
Struktur und Bindung Angelikawurzel, Iriswurzel, Süßholz Halten die Aromen zusammen, verlängern den Abgang
Frische Zitronen-, Orangen-, Grapefruit-, Bergamotteschale Kopfnote, erster Eindruck, verflüchtigt sich zuerst
Würze Koriandersamen, Kardamom, Kubebenpfeffer, Paradieskörner, Zimtkassie, Piment Tiefe und Schärfe, meist erst im Nachgeschmack
Floral Holunderblüte, Rose, Lavendel, Kamille Weichheit, typisch für moderne Gins
Fruchtig Gurke, Schlehe, Beeren, Apfel Süße und Saftigkeit, oft bei New Western Gins

Die sieben Botanicals, die in fast jedem Gin auftauchen

Diese Zutaten bilden das Rückgrat klassischer Gins, nicht weil es eine Vorschrift gäbe, sondern weil sie sich über Generationen als funktionierendes System herausgestellt haben.

Wacholderbeeren: harzig, leicht waldig, mit einem Anklang von Zitrus. Das einzige Botanical, das Gin zu Gin macht. Je nach Herkunft, etwa Mazedonien, Italien oder Kroatien, variiert der Charakter deutlich.

Koriandersamen: das zweithäufigste Botanical. Bringt eine zitrusartig-würzige Note, die den Wacholder aufhellt, ohne ihm Konkurrenz zu machen. Nicht zu verwechseln mit frischem Korianderkraut, die Samen schmecken grundlegend anders.

Angelikawurzel: erdig, leicht herb, im Aroma fast unsichtbar. Ihre Funktion ist die eines Bindeglieds. Sie hält die anderen Aromen zusammen und stabilisiert das Profil. Gins ohne Angelika wirken oft weniger rund.

Iriswurzel (Orris Root): blumig, pudrig, leicht veilchenartig. Wirkt als natürlicher Aromenfixierer und verlängert den Abgang. In London Dry Gins fast immer vorhanden.

Zitrusschalen: Zitrone, Orange, Bergamotte oder Grapefruit bringen Frische ohne Säure. Verwendet wird nur die äußere Schale, die Zeste, nicht das weiße Albedo darunter, weil es bitter schmeckt. Mehr dazu steht im Beitrag über die Zitronenzeste.

Kardamom: warm, leicht scharf, mit einem Eukalyptus-Unterton. Sparsam eingesetzt bringt er Tiefe, zu viel dominiert den Gesamtcharakter.

Süßholzwurzel: süßlich-würzig, bringt Körper im Abgang. Weniger als Geschmackslieferant gedacht, mehr als strukturgebendes Element.

Wie viele Botanicals hat ein Gin?

Klassische London Dry Rezepturen kommen mit sechs bis zwölf Botanicals aus. Manche Marken werben mit deutlich höheren Zahlen, ein bekanntes Beispiel liegt bei 47. Das ist kein Qualitätsmerkmal. Ab einer gewissen Menge überlagern sich die Aromen gegenseitig, und einzelne Zutaten lassen sich nicht mehr herausschmecken. Gins mit vier oder fünf Botanicals wirken oft klarer und fokussierter als solche mit zwanzig.

Regionale Botanicals

Der Trend der vergangenen Jahre geht zu Zutaten aus der Umgebung der Brennerei. Das ist zunächst eine Erzählung, hat aber geschmacklich Folgen, weil sich dadurch Aromen etablieren, die im klassischen englischen Repertoire nicht vorkommen.

  • Deutschland: Fichtensprossen, Schlehen, Holunder, Hopfen, im Alpenraum Enzian und Zirbe.
  • Skandinavien: Preiselbeere, Birkenblatt, Dill, Kümmel.
  • Mittelmeerraum: Rosmarin, Thymian, Olivenblatt, Zitronenverbene.
  • Japan: Yuzu, Sansho-Pfeffer, Sencha, Kirschblüte.

Wie sich das in konkreten Sorten niederschlägt, zeigt unsere Übersicht der Gin-Sorten.

Was die Wahl der Extraktionsmethode verändert

Gleiche Botanicals, anderes Ergebnis. Die Art der Extraktion verändert das Aromaprofil erheblich.

Mazeration: Botanicals werden für Stunden oder Tage direkt im Alkohol eingelegt und dann destilliert. Ergebnis sind kräftigere, tiefere Aromen. Typisch für traditionelle Gins.

Dampfinfusion: Der Alkoholdampf strömt durch einen Korb mit Botanicals, ohne direkten Kontakt zur Flüssigkeit. Ergebnis sind feinere, flüchtigere Aromen, besonders schonend für Blüten und Zitrus.

Kombination: Viele Premium-Gins mazerieren die robusten Botanicals wie Wacholder, Koriander und Wurzeln und infundieren die delikaten wie Blüten und Zitrus separat im Dampf. Das erlaubt feinere Kontrolle. Ausführlich beschrieben ist das im Beitrag zur Gin-Herstellung.

Warum manche Botanicals in bestimmten Gins nicht funktionieren

  • Lavendel überdeckt in zu hoher Dosierung alles, selbst den Wacholder. Die Grenze zwischen floral und seifig ist schmal.
  • Chili oder Szechuanpfeffer bringen eine Schärfe, die beim Riechen kaum auffällt, im Abgang aber lange anhält. Für Gin Tonic problematisch, weil Tonic Water sie verstärkt.
  • Tee und Hibiskus färben den Gin. Bei London Dry Gin ist das durch die Kategorieregeln ausgeschlossen, bei anderen Stilen erlaubt.

Das Etikett lesen

Viele Brennereien nennen ihre Botanicals auf dem Etikett oder der Website. Für die Kaufentscheidung ist das nützlich:

  • Viele Zitrusangaben: wahrscheinlich frischer, heller Stil.
  • Schwerpunkt Gewürze: eher warm und würzig.
  • Blüten im Vordergrund: floral, oft mit zurückgenommenem Wacholder.
  • Nur vier bis fünf Botanicals: meist sehr klar und fokussiert.

Was das Etikett nicht verrät, sind die Mengenverhältnisse. Selbst identische Listen können zu sehr unterschiedlichen Gins führen.

Häufige Fragen

Was bedeutet Botanicals auf Deutsch?

Schlicht pflanzliche Zutaten. Ein eigenes deutsches Fachwort hat sich nicht durchgesetzt.

Welches Botanical ist im Gin Pflicht?

Nur Wacholder, und er muss geschmacklich vorherrschen. Alle anderen sind freiwillig.

Kann man Botanicals für Gin selbst zusammenstellen?

Für einen Ansatz in fertigem Alkohol, oft Bathtub Gin genannt, ja. Das eigenständige Brennen von Alkohol ist in Deutschland dagegen genehmigungspflichtig.

Sind mehr Botanicals besser?

Nein. Über etwa zwölf Zutaten hinaus lassen sich einzelne Aromen kaum noch unterscheiden. Klarheit schlägt Vielfalt.

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