Warum ein koscherer Gin aus Deutschland etwas Besonderes ist
Koschere Spirituosen waren in Deutschland jahrzehntelang fast ausschließlich Importware. Das ändert sich seit Marc und Katharina Simon in Hannover die Destillerie „Simons of Hannover“ gegründet haben – nach eigenen Angaben die ersten Hersteller koscherer Spirituosen aus Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg.
Dahinter steckt mehr als eine Produktpositionierung: Marc Simon, aufgewachsen in der jüdischen Gemeinde Köln, bezeichnet das Vorhaben als bewusste kulturelle Geste. Die Simons sind zehnte Generation einer deutsch-jüdischen Familie – die Verbindung zwischen jüdischer Identität und der Produktion in Deutschland ist Teil des Konzepts, nicht Zufall.
Was „koscher“ bei einer Spirituose bedeutet
Koscher (hebräisch: כָּשֵׁר, geeignet/erlaubt) beschreibt bei Lebensmitteln die Einhaltung jüdischer Speisegesetze (Kaschrut). Bei einer Spirituose bedeutet das konkret:
- Keine tierischen Inhaltsstoffe – manche konventionellen Destillationsprozesse nutzen tierische Klärmittel (z. B. Gelatine, Kasein)
- Strikte Trennung von Utensilien, die zuvor mit nicht-koscheren Zutaten in Kontakt waren
- Rabbinische Überwachung – bei Simons of Hannover übernimmt Rabbiner Levi Gottlib die Kontrolle vor Ort in der Lister Destille in Hannover
- Unbenutzte Eichenfässer – soweit Fasslagerung stattfindet, müssen die Fässer neu und speziell für die koschere Produktion reserviert sein
Koscher ist kein Qualitätszertifikat im klassischen Sinn, aber eine Produktionszertifizierung, die Aufwand und externe Kontrolle erfordert.
Der Herzberg & Feldman Dry Gin
Das Kernprodukt ist der Herzberg & Feldman Dry Gin, ein London Dry Gin in kleinen Chargen aus der Lister Destille. Die Botanicals: Koriander, Minze, Zimt, Vanille, Kardamom, Lavendel – neben dem obligatorischen Wacholder ein Profil, das eher warm und aromatisch als klassisch trocken ausfällt. Vanille und Lavendel positionieren ihn im neueren, zugänglicheren Gin-Stil.
Daneben bietet Simons of Hannover den Herzberg & Feldman Orange Gin an – eine fruchtige Variante mit ausgeprägter Orangennote. Beide Varianten sind frei von künstlichen Zusatzstoffen und in mehreren Flaschengrößen erhältlich (5 cl bis 0,5 l).
Die Namensgebung – Herzberg & Feldman – verweist auf jüdische Familiennamen, die als kulturelle Referenz fungieren. Es ist Teil der Positionierung als Produkt mit explizit jüdisch-deutschem Hintergrund.
Das größere Anliegen
Marc Simon hat das Vorhaben mehrfach nicht in erster Linie als kommerzielles Projekt beschrieben, sondern als Versuch, „positive Erfahrungen mit jüdischer Kultur zu schaffen“. Koschere Spirituosen sollen, ähnlich wie Produkte aus anderen kulturellen Traditionen, im Alltag sichtbar machen, dass jüdisches Leben in Deutschland präsent ist.
Katharina Simon, aufgewachsen in Prag, bringt eine eigene Perspektive mit: In ihrer Tradition sind alkoholische Getränke bei jüdischen Feierlichkeiten – besonders an Purim – nicht nur erlaubt, sondern Teil der religiösen Praxis.
Einordnung
Simons of Hannover füllt eine konkrete Lücke im deutschen Spirituosenmarkt. Für die breite Gin-Zielgruppe sind die Produkte vor allem als qualitativ hochwertige, handwerklich produzierte Gins mit klarer Geschichte interessant. Für Menschen, die koschere Spirituosen aus religiösen oder kulturellen Gründen bevorzugen, ist die Verfügbarkeit eines deutschen Herstellers ein echter Unterschied zu bisher üblicher Importware.
