Während der Gin-Boom mit Marken jonglierte, die kaum ein Jahrzehnt alt waren, führt die Enzianbrennerei Grassl ihre Wurzeln bis 1692 zurück. Damals erhielt eine Berchtesgadener Gastwirtsfamilie namens Grassl vom Fürstpropst das Recht, im Berchtesgadener Land Enzianwurzeln zu graben und daraus Schnaps zu brennen. Aus dieser urkundlich hergeleiteten Tradition ist die nach eigener und regionaler Darstellung älteste Enzianbrennerei Deutschlands geworden, heute mit Sitz im Ortsteil Unterau und seit 1969 von der Familie Beierl geführt.
Kernprodukt ist der „Gebirgsenzian“, ein Brand aus der Wurzel des Gelben Enzians, ergänzt um rund 30 weitere hauseigene Spirituosen. Die Herstellungsbesonderheit ist zugleich der Markenkern: Die Enzianwurzeln stammen aus historischen Brennhütten, die über die Hochtäler des Nationalparks Berchtesgaden verstreut liegen. Das maßvolle Graben der Wurzeln war traditionell auch ein Stück Almpflege, ein Detail, das die enge Verzahnung von Produkt und Landschaft unterstreicht.
Die Einordnung fällt leicht: Grassl besetzt das genaue Gegenteil des schnellen Craft-Gin-Trends. Statt austauschbarer Botanicals und moderner Etiketten zählen hier Wildwuchs aus dem Nationalpark, über 330 Jahre dokumentierte Geschichte und ein starker Tourismus- und Erlebnisbezug mit Besucherzentrum, Verkostungen und Führungen. Das ist ein Nischenprodukt mit einer Herkunftserzählung, die kein junger Newcomer nachbauen kann, und genau darin liegt der Wert.
Redaktioneller Hinweis: Konkrete Award-Jahre nicht belegt; Mitarbeiterzahl (ca. 40) ist ein Stand von 2014.